|
Reiseberichte
Denali
Deutsche Expedition zum kältesten Berg der Welt
- Erlebnisbericht von Franz J. Müller -
Mit kritischen Blicken seitens der Bediensteten wird unser Gepäck am Flughafen in Frankfurt entgegengenommen. So beginnt unsere 8-Mann starke Expedition zum höchsten Berg Nordamerikas, dem 6194 m hohen Denali / Mount Mc Kinley. Jeder hat zwei große Rucksäcke, ca. 60kg und ein Paar Ski unterzubringen. Nach 12 Flugstunden landen wir in Anchorage, der Hauptstadt Alaskas. Ein Shuttle Bus bringt uns am gleichen Tag in das 170 km entfernte Talkeetna, dem kulturellen Mittelpunkt des oberen Susitnatals. Hier ist der Ausgangspunkt aller Denalibesteiger. Undurchdringliche Erlenwälder, intensiv riechende Fichten, wasserdurchtränkte Moorböden als Paradies für Milliarden Moskitos, Blechbaracken, Holzhäuser wie in Wildwest Filmen, verstaubte Fahrzeuge in Übergröße: so präsentiert sich eindrucksvoll das verschlafene Städtchen mit seinen 250 Einwohnern. Großflächig verteilt leben in der Umgebung noch etwa 700 Menschen. Die erste Nacht verbringen wir mit jeder Menge Moskitos in einem Holzschuppen direkt neben dem Susitna River. Selbst um 24 Uhr in der Nacht ist es noch fast taghell.

Unser vorerst letztes Frühstück im „Roadhouse“ lässt unseren Bauch noch etwas anspannen. Gut gestärkt melden wir uns zum besuchspflichtigen „Hearing“ in der Ranger-Station und lassen uns über die Verhaltensrichtlinien am Berg belehren. In strenger, disziplinierter Atmosphäre sehen wir uns Dias von verfrorenen Gliedmaßen, sturmzerstörten Zelten und Lawinenschäden an. Danach treffen wir uns am örtlichen Flugplatz bei Dough Geeting, einem der besten Gletscherflieger Alaskas. Eingepfercht in ein kleines Sportflugzeug und ohne jede Chance einer Bewegungsmöglichkeit fliegen wir, 3 Passagiere und der Pilot, unserem Ziel in 80 km Entfernung entgegen. Die gewaltige Kulisse des Mt. Mc Kinleys, Mt. Foraker und Mt. Hunter erhebt sich ohne Übergang aus der flachen Tundra. Über dem Kahiltna-Gletscher haben wir Einblicke in die größten Gletscherspalten, in denen man problemlos ganze Hochhäuser verstecken könnte. Nach 40 Minuten Flug landet die Cessna mit ihren Schneekufen auf der 2300 m hohen Südostzunge des Gletschers. „Willkommen am Kahiltna-Airport“, werden wir von Jossy, einem weiblichen Ranger, in deutscher Sprache begrüßt. Hier bekommen wir 40 Liter Benzin für unsere Kocher und die Schlitten für unseren 2. Rucksack. Die erste Lawine donnert in sicherem Abstand vom Mount Hunter herab. Der hier stationierte Hubschrauber fliegt ständig Richtung Denali, um in Schwierigkeiten geratene Engländer, aus dem „Orient Express“ zu bergen. Eine anspruchsvolle Route zum Gipfel trägt diesen Namen.
Vollbepackt und mit den Ski an den Füßen starten wir aufgeregt am nächsten Morgen. Unsere Muskeln sind das schwere Gepäck noch nicht gewohnt und so quälen wir uns unserem Gipfel entgegen. Am dritten Tag erreichen wir das 11000 Feet Lager auf 3300m Höhe. Hier vergraben wir unsere Schlitten und Ski. Im bevorstehendem steilen Gelände gehen wir nur noch mit Steigeisen. Nun beginnt ein mehrfacher Materialtransport dem Basislager entgegen. Auf frischem Pulverschnee steigen wir zum „Windy Corner“ über 4100m auf. Am siebten Tag haben wir uns zum 4300m hohen Basislager hochgeschraubt. Zum ersten Mal in meinem Leben verbringe ich eine Nacht bei einer Temperatur von unter minus 30 °C. Die feuchte Atemluft gefriert sofort am Innenzelt und der nächtliche Wind rüttelt unaufhörlich am Zelt. In den folgenden 2 Tagen steigen wir zum Akklimatisieren zweimal die 700m hohe „Headwall“ hinauf und einmal in das Hochlager (5200m), um Teile unserer Ausrüstung und Lebensmittel zu deponieren. Es folgt noch ein Ruhetag im Basecamp. Selbst hier oben treffe ich zwei Amerikaner, die in Ramstein stationiert waren und mich vom „Rucksack“ her kennen. Der Wetterbericht sagt zwei stabile Tage voraus und wir steigen bei minus 20°C die „Headwall“ hinauf auf den West Buttres. Über 30 Bergsteiger sind schon vor uns und blockieren kraftlos die angebrachten Fixseile. Hier ist für viele Bergsteiger das Ende der Tour. Erschöpft stehen wir nach 5 Stunden auf der 5050m hohen West Buttres und verschnaufen. Dann geht es noch 200 Höhenmeter steil und in technisch anspruchsvollerem Gelände zum Hochlager.

Für einen Gipfelanstieg am nächsten Tag fehlt mir jede Phantasie. Die Sauerstoffsättigung in meinem Blut beträgt nur noch 78%. Der Normalfall Zuhause ist 95-98%.
Thomas Lämmle, ein erfahrener Bergsteiger aus unserer Gruppe, betreibt Höhenforschung an der Uni Innsbruck. Er nutzt die Gelegenheit, unseren Gesundheitszustand und die Akklimatisierung zu beobachten und auszuwerten. Angezogen mit allen Kleidungsteilen kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Die wohl kälteste Nacht in meinem Leben bringt unerwartet die notwendige Erholung und am nächsten Morgen steigt unsere komplette Mannschaft auf zum Denali-Pass.
Ein Fehltritt oder Ausrutscher in diesem Gelände hätte fatale Folgen: Mindestens 200m das Eis runterrutschen und dann in einer der rießengroßen Gletscherspalten verschwinden. Permanent fegt der starke Wind über den Denali Pass hinauf Richtung Gipfel. Dick angezogen und vermummt gegen die unbeschreibliche Kälte quälen wir uns voran. Schnell stellt sich heraus, wer noch die größten Kraftreserven hat. Die Finger werden selbst durch die besten Handschuhe kalt. Die Schneebrillen beschlagen und vereisen auf der Innenseite. Wir einigen uns auf den gleichen Atemrhythmus, die gleiche Gangart: 100 Schritte, 60 Sekunden Pause. Nicht länger, damit der Puls nicht absackt und uns die Kälte zermürbt. Mit dieser Taktik bewegen wir uns wie eine Dampflokomotive unaufhaltsam auf unser Ziel zu. Die Handvoll anderer Bergsteiger vor uns haben keine Chance, unserem gleichmäßigem Tempo Schritt zu halten. (Dies hatte einen starken Eindruck hinterlassen, denn drei Tage später hatte sich unsere Taktik im Basislager herumgesprochen und eine gewisse Bewunderung für die „Germans“ mit sich gebracht.) Kurz vor dem Gipfel erwartet uns noch ein 50cm breiter Grat. Rechts fällt das Gelände 4000m und links 200m ab. Erschöpft, mit vereisten Brillen, die Sonne im Rücken, starker Wind von links und brutal kalt. So gilt es, dieses letzte Hindernis zu überwinden. Doch das bisschen, was ich sehen kann, ist unbeschreiblich beeindruckend. Fürs Fotografieren fehlt mir die Ruhe. Ich steige als letzter unserer Truppe nach oben und möchte nicht unbemerkt „verloren gehen“, zumal wir bis auf Kurt und Thomas seilfrei gehen.
„Berg Heil“ - Gratulationen - Umarmungen - Emotionen entladen sich. Wir stehen alle auf dem Gipfel, dem höchsten Punkt Nordamerikas, 6194m hoch. Wir haben mal wieder einen der 7 Summits erreicht. Alaska liegt uns zu Füßen. Die Sicht ist überwältigend. Die Temperatur in Verbindung mit dem starken Wind schätzen wir auf minus 35 - 40°C. Verzweifelt bemühen wir uns um Gipfelfotos. Nur zwei Kameras funktionieren bei diesen Bedingungen. Es ist 18:45 Uhr. Höchstens 10 Minuten bleibt uns für dieses Live-Erlebnis. Dann heißt es absteigen, wieder den Gipfelgrat bewältigen. Auf sicherem Grund pausieren wir nochmals und stärken uns für den Abstieg ins Hochlager auf 5200m. Die Flanke unterhalb des Denali-Passes fordert nochmals unsere ganze Konzentration. Gegen 22 Uhr versinken wir im dicksten Nebel. Systematisch suchen wir über 1,5 Stunden nach unseren Zelten, die fast unsichtbar hinter den selbstgebauten Schneemauern aufgebaut sind. Um 23:30 Uhr erreichen wir mit total vereisten Gesichtern und Bärten unser Nachtquartier. Keine Kraft mehr das Zelt richtig zu schließen. Wie im Wetterbericht angekündigt wird, ist die Nacht unruhig und ein Sturm droht unsere Zelte fortzublasen. Wir stützen uns in die Zeltecken, drücken die hochgeblasenen Stellen auf den Boden, versuchen das Zelt stabil zu halten, schlafen erschöpft wieder ein, werden aus dem Schlaf gerissen usw.
So verbringen wir unseren wohlverdienten Urlaub in dieser schönen Gebirgslandschaft.

Am nächsten Morgen bedeckt eine 2cm dicke Schneeschicht unser ganzes Innenzelt. Unsere Kunststoffschuhe müssen wir regelrecht aus dem Vorzelt graben. Jetzt gilt es sich anziehen, zu packen und schnellstens in das wärmere und sichere Basislager abzusteigen. Der starke Nachtwind hat das harte Eis freigeblasen und erschwert uns gewaltig den Abstieg an den Fixseilen. Kurz vor der letzten Seillänge löst sich mein Steigeisen am rechten Fuß. So hänge ich mit 27 kg Ausrüstung auf dem Rücken im Seil und brauche 15 Minuten, bis ich das Eisen wieder am Schuh befestigen kann. Kurz nach meinem Problem entsteht ein Chaos am Abstiegsseil. 5-6 Bergsteiger haben wahrscheinlich die gleiche Situation und erreichen erst 2 Stunden später das Basislager. Hier werden unterdessen eifrig die Schutzwände um die Zelte erhöht und ausgebessert. Sturmwarnung !
Das Unwetter zieht vorbei und den nächsten Tag können wir bei Sonnenschein im Basislager genießen. Teile unseres Gepäcks verstauen wir in Säcke, die wir innerhalb der Seilschaft den Berg hinunterziehen. Somit ersparen wir uns den zeitaufwendigen Materialtransport und erreichen an diesem Tag noch die 2600m Grenze nach 7 Stunden. Von hier blicken wir noch einmal auf die Südwestwand des Mc Kinleys, dessen Spitze in der untergehenden Sonne glüht. Mit lautem Donnern löst sich am frühen Morgen eine Lawine vom Windy Corner ins Tal. Noch einmal haben wir 200 Höhenmeter zum Gletscherflugplatz aufzusteigen. Erschöpft und erleichtert lassen wir uns auf den Boden fallen. Die Schinderei hat ein Ende. Vielleicht werden wir heute noch nach Talkeetna ausgeflogen und dann wird nach 17 Bergtagen unser Triumph gefeiert. Bei dem herrlichen Wetter sind alle Flugzeuge mit „normalen“ Touristen unterwegs. Somit werden wir erst 24 Stunden später abgeholt.
Vorerst lassen wir uns im „Swiss Alaska“, einer Pension nieder. Hier waschen wir uns das erste Mal seit 18 Tagen und essen mal wieder richtig. Im „Fairview Inn“, der bekanntesten Bar Talkeetna’s feiern wir bis in die Morgenstunden. Die ganze Nacht ist es taghell.
Eine schöne Harmonie in der Mannschaft, keine Erfrierungen oder nennenswerte Probleme, Gipfelerfolg für alle. So geht unser Abenteuer zu Ende.
Download als PDF-Datei
|
|