Reiseberichte

Alpamayo

Der schönste Berg der Welt??

-Erlebnisbericht von Franz J. Müller-

Jedes namhafte Alpine - Magazin hat irgendwann einmal über den „schönsten Berg der Welt“ berichtet. Dieser soll sich in dem Anden – Staat Peru befinden. Er trägt den Namen Alpamayo und ist 5947 m hoch.

Neugierig durch verschiedene Expeditionsberichte und atemberaubende Fotos, die auch unseren Vorstellungen entsprachen, flogen mein langjähriger Bergfreund Peter Schubert aus Kaiserslautern und ich Ende Mai 2001 nach Südamerika in die Hauptstadt von Peru.

Die Ankunft in Lima führt uns in eine gänzlich andere Welt. Die Luft ist schwer. Die erhöhte Luftfeuchtigkeit und die Abgase tun ihr nötigstes dazu. Ein Taxi fährt uns und unsere großen Rucksäcke durch enge, verstopfte und mit Lärm erfüllten Straßen zur Busstation „Rodriguez“. Ein unvergessliches Erlebnis, durch die Straßen einer südamerikanischen Metropole zu fahren. An der Busstation angekommen, warten wir vier Stunden am Terminal auf die Abfahrt mit dem Überlandbus nach Huaraz, eine Stadt, die ungefähr 400km nördlich von Lima liegt.



In Huaraz organisieren wir einen „Expresso“ (Kleinbus) für die Weiterfahrt nach Cashapampa am nächsten Tag. Lebensmittel, Benzin für zwei Wochen, Holzkisten für den Materialtransport und ein Zelt für unseren Eselstreiber müssen wir ebenfalls noch besorgen. Dann endlich geht es los. Pünktlich um acht Uhr wartet der am Vortag bestellte Kleinbus vor dem Hotel und bringt uns in einer dreistündigen Fahrt zu unserem Ausgangsort. Cashapampa ist ein kleines Dorf auf 3000m Höhe. Mit einem Eselstreiber namens Ramon schließen wir einen „Contracto“, einen Vertrag, der genau die Anzahl der Tage, den Preis und die Zahlungsbedingungen für den Materialtransport  auf seinen Eseln enthält.  Den „Contracto“ mit Unterschrift und Handschlag besiegelt, starten wir zu Fuß um 13:00 Uhr Richtung Hualcayan, wo wir die erste Nacht im Zelt verbringen. Die nächsten vier Tage marschieren wir über mehrere Pässe bis auf 4850m, dann durch das schöne Cedros -Tal zum Basislager unseres 50 Kilometer entfernten Alpamayo.

Ab dort wird das Gelände für die Esel unpassierbar und jeder von uns muss jetzt 35 kg Ausrüstung im Rucksack tragen. Gnadenlos steigt unser Weg sechshundert Höhenmeter aufwärts bis auf eine Höhe von 5000m. Die letzten 50m werden durch eine Felswand blockiert. Eine Kletterei im III. Schwierigkeitsgrad beginnt. Wohlgemerkt mit 35 kg auf dem Rücken und in 5000m Höhe. Erschöpft erreichen wir den Pass und erblicken unseren wolkenverhangenen, schneeüberladenen Traumberg. Unzählige Auf – und  Abstiege haben wir bereits zurückgelegt, doch nun ist unser Ziel zum greifen nahe. Im  Moränenlager (4600m) bauen wir unser Nachtlager auf. Ein Tagesmarsch trennt uns nur noch vom Hochlager auf 5400m. Über steile Eisflanken, vorbei an gefährlich ausragenden Seracs erreichen wir mit halbem Gepäck bei Einbruch der Dunkelheit das Hochlager. 15 Bergsteiger bewundern bei einem wunderschönen Sonnenuntergang ihr Traumziel. Groß und beeindruckend steht der Alpamayo vor uns. Unvorstellbar die Idee, die 60° steile und 700m Hohe Eisrinne bis zum Gipfel zu durchsteigen. Für uns noch 2 Tage zu früh darüber nachzudenken. Wir müssen am nächsten Tag noch mal ins Moränencamp absteigen um die restliche Ausrüstung holen. Ermüdet erreichen wir am Abend wieder das in den Wolken liegende Hochlager, mit der Freude auf den kommenden Ruhetag vor dem Gipfelsturm. Erschreckend müssen wir feststellen, dass unsere Benzinvorräte nicht mehr ausreichen. In dieser Höhe gibt es kein Trinkwasser. Dieses wird mit dem Benzinkocher aus Schnee geschmolzen. Also müssen wir am kommenden Morgen zum Gipfel aufbrechen. Mit einem ungewissen Gefühl im Magen versuche ich meinen Schlaf zu finden.



In aller Herrgottsfrühe klingelt der Wecker, die Zeiger zeigen auf 3:00 Uhr. Vom Vollmond angestrahlt sehen wir bei klarer Sicht unseren Traumberg. Mit Steigeisen an den Füßen, den Klettergurt angezogen, die Seile umgehängt in jeder Hand eine Eisaxt und die Helmlampen angeschaltet, starten wir bei -10° Grad mit nervösem Gefühl in der Magengegend zu unserer größten Herausforderung. Etwa einhundert Meter müssen wir wieder zum gegenüberliegenden Wandfuß absteigen. Nun beginnt unbarmherzig die Steilheit des Berges. Gleichmäßige kleine Schritte - die Kraft muss eingeteilt werden. Der Schnee und das Eis unter den Füßen ist hart. Mit jedem Axtschlag in die Eiswand wächst das Vertrauen und die Routine in die Technik. Stufe für Stufe bewegen wir uns höher. Über uns befinden sich weitere 10 Bergsteiger. Durch ihren Aufstieg fallen ständig Eisklumpen und noch ein Karabiner die Rinne herab. Schmerzend treffen diese Wurfgeschosse unsere Hände und Oberschenkel. Der Helm ist unverzichtbar. Trotz der angespannten Situation können wir bei Tagesanbruch den Ausblick auf den weit entfernten Huascaran, den höchsten Berg Perus, ein wenig genießen. Wolkenlos ist der Himmel und es macht richtig Freude, die Eisgeräte rhythmisch in das Eis zu schlagen. Die letzten Meter unter dem Gipfel verlangen die letzten Kraftreserven. Eine 15m senkrechte Wand aus purem Eis erwartet uns knapp unter 6000m Höhe. Zum Glück wird an dieser Stelle die Rinne etwas enger. Die vorangegangenen Bergsteiger haben im Eis ihre Spuren hinterlassen. So finden wir gute Tritte für unsere Steigeisen. Mit meinen Kräften so ziemlich am Ende und mit Krämpfen in den Armen erreiche ich den Gipfelgrat. Nun gilt es noch Peter nach oben zu sichern. Beim Nachsteigen verliert Peter durch einen ausgebrochenen Tritt den Halt und das Seil beginnt sich zu spannen. Der eingeschlagene Firnanker am Gipfelgrat hält bombenfest und 10 Minuten später erreicht auch Peter den Grat. Unbemerkt durch die Anspannungen haben Wolken den Gipfel schleichend erobert. Der höchste Punkt, nur wenige Meter von uns entfernt, ist von Wolken verhüllt. Mit zwei Südtirolern feiern wir unser „BERG HEIL“ auf dem Alpamayo. Inzwischen ist es schon elf Uhr, genau die richtige Zeit für eine Brotzeit auf dem Gipfel des schönsten Berges der Welt.



Mit vier Seilen, jedes 50m lang, genießen wir ein erlebnisreiches Abseilen vom Gipfel. Unter der Wolkendecke erwartet uns eine grandiose Fernsicht, welche die Mühen fast vergessen lässt. Nach zwölf Stunden erreichen wir glücklich aber müde unser Zelt im Hochlager. Die tiefstehende Sonne belohnt uns noch mal für unsere Anstrengungen und beleuchtet unseren „Traumberg“ mit einem goldgelben Licht.

Am folgenden Tag beginnt der gefährliche und steile Abstieg über die Ostwand in das 1200m tiefer gelegene Basislager. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit finden wir einen Lagerplatz nahe bei einer britischen Expeditionsgruppe. Diese hat sich durch Vorbestellung eine Kiste „Gipfelsieg-Bier“ mit Eseln in das Basislager bringen lassen. Am warmen Lagerfeuer, mit einer Flasche kaltem Bier in der Hand feiern wir unseren Gipfelsieg, der zur Krönung eines unvergesslichen Erlebnisses beigetragen hat.

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