Reiseberichte

Aconcagua

Zwei Pfälzer auf dem höchsten Berg Amerikas
- Erlebnisbericht von Franz J. Müller -

Aus eigener Kraft, zu zweit und ohne Hilfe von Bergführern, Trägern, Maultieren oder sonstigen Transportmitteln. Das war der Grundgedanke Ende Oktober 1996 zur Besteigung des höchsten Berges von Amerika. Den in Argentinien stehenden „Aconcagua“, 6969m hoch.

Franz J. Müller und Peter Schubert aus Kaiserslautern, zwei Bergfreunde, die seit acht Jahren gemeinsam in den Bergen der Alpen unterwegs sind, wagten sich zu diesem Abenteuer. Innerhalb von zwei Monaten wurde jede erhältliche deutsch- und englischsprachige Lektüre über diesen Berg zusammengetragen, studiert und ausgewertet. Ebenfalls stand ein Schnellkurs in spanischer Sprache auf dem Pflichtprogramm. Gleichzeitig wurde das körperliche Ganzjahrestraining um das doppelte Pensum gesteigert und die hierfür benötigte Bergsportausrüstung für extreme Klimaverhältnisse beschafft. Die Besteigung war für den Januar 1997 geplant. Zufällig genau 100 Jahre nach der Erstbesteigung durch den Schweizer Bergführer Matthias Zurbriggen.



Zielflughafen für diese Expedition war die am Andenfluss gelegene Stadt Mendoza. Hier musste die behördliche Genehmigung zur Besteigung beantragt werden.
Noch 200km vom Berg entfernt begegneten wir bereits Bergsteiger, die mit Erfrierungen an den Händen vom Aconcagua zurückkamen. Nach 180km Busfahrt erreichten wir den Ort „Puente del Inca“ vor der chilenischen Grenze. Dieser in 2700m Höhe gelegene Ort dient als Ausgangspunkt für die meisten Expeditionen. Auch unser Abenteuer sollte hier beginnen. Doch schon bei der Ankunft sehen wir einen Bergsteiger mit verfrorenen Zehen sitzend im Rollstuhl vor einem Krankenwagen. Vor und liegt ein 48km langer Fußmarsch zum Basislager in 4230m Höhe. Für diese Strecke planen wir drei Tage ein, die vorbereitend zur Akklimatisierung dienen. Doch schon die erste Etappe bis auf 3300m hinterlässt qualvoll ihre Spuren. Unsere Rucksäcke sind gefüllt mit Bekleidung, Zelt, Schlafsack, Steigeisen und Seil, Klettergurt, Eisschrauben, Karabiner, Kocher und Nahrung für 14 Tage. Ziemlich genau 35 kg für jeden. Mit letzter Kraft bauen wie das Zelt auf und ohne Abendessen wird sofort geschlafen. Um 11:30 Uhr brechen wir mit halbem Gepäck auf und transportieren es in vier Stunden bis auf 3800m. Hinter Steinen verstecken wir das Gepäck. Der Weg führt häufig durch den verzweigten Huascaran-Fluß. Zu spät bemerken wir die Aggressivität der Sonne. An meinen Handoberflächen und im Nacken kündigt sich Sonnenbrand an. Mit Handschuhen gehen wir bei ca. 15°C wieder zurück zur Oase Confluenza, wo unser Zelt noch für die zweite Nacht steht. Sobald die Sonne verschwunden ist kriecht auch schon die Kälte durchs Tal.
Am frühen Morgen starten wir zum 30km entfernten Basislager (Plaza de Mulas). Nach 16km laden wir unser vorgetragenes Gepäck wieder in den Rucksack und erreichen nach zehneinhalb Stunden erschöpft das Basislager in 4250m Höhe. Ca. 200 Zelte in bunten Farben stehen am Fuße des Cuerno-Gletschers, umgeben von sandigen Bergen einer Wüstenlandschaft.
Einsamkeit darf hier keine erwartet werden. Internationale Expeditionen suchen hier die Herausforderung mit dem höchsten Berg Amerikas. Informationen über Schneeverhältnisse, Klimabedingungen und Wegbeschreibungen bekommt man hier aus erster Hand. Auch die Zahl der Bergsteiger, die nicht mehr lebend in das Basislager zurückkehren, macht die runde. Zwei volle Tage und drei Nächte Akklimationszeit in dieser Höhe reichen uns.
Mit einem 58er Ruhepuls am Morgen und leichter Darmverstimmung erwarten uns 1100 Höhenmeter Aufstieg zum ersten Hochlager „Nido de Condores“. Unterwegs sehen wir eine siebenköpfige Gruppe, die mit dem Abtransport eines toten Argentiniers beschäftigt ist. Nach dem Gipfelsieg erlag er bei 6000m der Höhenkrankheit. Das erste Hochlager ist eine kleine Hochebene auf 5350m Höhe. Nur noch 40 Zelte lassen sich zählen. Konversation wird durch starken Wind, dünnere Luft und eisige Kälte unterbunden. Ein wunderschöner Sonnenuntergang lässt den Gipfel feuerrot erglühen und lädt zum Träumen ein. Zum Trinken muss Schnee und Eis geschmolzen werden. Trotz leistungsstarkem Kocher brauchen wir eine Stunde für einen Liter Teewasser. Um unseren Flüssigkeitsverlust auszugleichen trinken wir auch nachts bei jedem Aufwachen Mineralgetränke und Tee.



Am folgenden Ruhetag zieht ein Gewitter auf und umhüllt unser Zelt mit starkem Schneesturm. Mit einem bewährten Zelt und molligen Schlafsäcken gibt es für uns keinen Grund zur Beunruhigung. Die ganze Nacht noch tobt der Sturm. Am nächsten Morgen wird es ruhiger und wir müssen mit gemischten Gefühlen den gefallenen Schnee akzeptieren. Wir verschieben den geplanten Aufstieg zum zweiten Hochlager auf den Nachmittag um bessere Bedingungen zu erwarten. Stärker aufkommender Sturm bläst den trockenen Schnee innerhalb zwei Stunden vom Berg. Nach 600m Aufstieg erreichen wir das „Berlin Camp“, unser zweites Hochlager in 5950m Höhe. Hier verbringen wir zwei ruhige Nächte und können uns in aller Ruhe auf den „Gipfelsturm“ vorbereiten. Keine oder nur geringe Anzeichen von Kopfschmerzen und ein niedriger Puls bringen uns ein sicheres Gefühl. Unsere Körper sind pünktlich bereit für die letzte große Herausforderung. Durch absteigende Andinisten sind wir immer auf dem neuesten Stand der Gipfelbedingungen. Unser Barometer zeigt keine Wetteränderung an. Somit verzichten wir auf unsere Steigeisen, Eisschrauben, Karabiner, Seil und Gurtzeug. Alles bleibt im Zelt. Mit Verpflegung und nur der notwendigsten Ausrüstung quälen wir uns am Morgen des 21. Januars 1997 bei Dunkelheit und eisiger Kälte in Richtung Gipfel. Eintausend Höhenmeter stehen uns bevor. Die Anspannung und Strapazen der letzten Tage bleiben nicht ohne Spuren. Bis hierher haben wir schon vier bis fünf Kilogramm Körpergewicht verloren. Appetitlosigkeit, Nervosität und Gereiztheit lassen sich nicht verbergen. Unsere gleichstarke Kondition sollte sich positiv auf einen möglichen Gipfelsieg auswirken. Bei eisigem Wind rücken wir immer näher zum Gipfel. Schritt für Schritt. Halbe Gänsefüßchen. Nach 30 Atemzügen bleiben wir stehen und ringen nach Luft. In dieser Höhe hat man nur noch 40 % Sauerstoff zur Verfügung. Durch unsere getönten Skibrillen sieht man das Tageslicht etwas befremdet. Begeisternd wirkt die Farbenvielfalt des heterogenen Gesteins auf mich. Beim Zurückblicken auf die erreichte Höhe erscheint die endlose Aussicht über die Andenkette als Belohnung für die Quälerei des Körpers. Noch 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Überglücklich vor Freude schlage ich leicht meine Teleskopstöcke auf Peters Rücken, „wir schaffen es!“. Mehr bringe ich nicht aus meiner total ausgetrockneten Kehle heraus. Der Gipfel ist zum Greifen nahe. Wir müssen noch die „Canaletta“, eine 45° steile und brüchige Felsrinne hinauf. Zum Weiterkommen können die eiskalten Hände mitbenutzt werden. Eine willkommene Abwechslung für den Rücken, doch keine leichte Aufgabe mit dem Rucksack. Selbst größere Felsbrocken schieben sich durch unser Körpergewicht langsam zu Tal. Zwei Schritte vor, einen zurück. Jedes zurück Rutschen wird mit Atemlosigkeit bestraft. Nach zwei kurzen Pausen blicken wir kurz unter den Gipfel in die schneebedeckte Südwand hinab. Grandios, brutal steil, aber nicht beängstigend. Seitlich der Spur liegen kraftlos und blass zwei Bergsteiger und hoffen auf etwas Erholung. Schwankend und mit letzter Kraft stehen wir nach zehn Tagen um 17:21 Uhr auf dem Gipfel. Geschafft! Ich möchte schreien, doch die Luftröhre klebt zusammen, der Mund ist ausgetrocknet – Halsschmerzen. Wir umarmen uns. Sprachlos schauen wir uns an. Ein schmerzhaftes „Berg heil“ kratzt jeder heraus. Dann sinken wir auf den Boden und nutzen die Pause zum Trinken. An Essen ist nicht zu denken. Schon der Gedanke daran verursacht Übelkeit.



Strahlend blauer Himmel mit schneeweißen Schäfchenwolken, ungefähr –8°C und kaum Wind belohnen uns auf dem Gipfel. Kilometerweiter Ausblick, Gipfelfotos und Glückwünsche für andere Gipfelstürmer lassen eine halbe Stunde sehr schnell vorübergehen. Nach zehneinhalb Stunden Aufstieg wendet sich das Blatt zum Abstieg. Vorsichtig wieder die steile Felsrinne hinab. Keine Steine lostreten! Die Sonne ist in dieser Höhe noch lange zu sehen. Kurz nach Eintreten der Dunkelheit erreichen wir unser Zelt auf 5950m Höhe total erschöpft. Mit letzter Kraft müssen wir über eine Stunde unser Teewasser zum Kochen bringen. Ohne Essen sinken wir glücklich und ausgebrannt in unsere Schlafsäcke. Diesen Morgen schlafen wir aus. Ohne Anzeichen von Kopfschmerzen warten wir bis die aufgehende Sonne das Zelt erwärmt. Gemütlich die Rucksäcke packen, Wasser kochen und das erste Mal wieder nach fünf Tagen Zähne putzen. In drei Stunden rennen wir ins Basislager hinunter. Selbst beim Abstieg fordert der Körper kurze Pausen. Doch hier befinden wir uns immer noch 4250m Höhe. Es ist kälter geworden und nach Sonnenuntergang verschwinden wir ins Zelt. Unbelastet und mit der Freude des Gipfelglücks im Gepäck verlassen wir das Basislager und steigen nach „Puente del Inca“ ab. Doch diese 45km mit noch etwa 28- 30 kg Gepäck im Rucksack sollten zum Ende nochmals sehr qualvoll werden. Mit brennenden Füßen, schmerzenden Schultern und Hüftgelenken erreichen wir nach zehn Stunden den Ausgang des Nationalparks. Wir schlafen ohne Zelt bei Vollmond auf der ersten grünen Wiese. Am Morgen sehen wir zum letzten Mal die imposante Südwand des Aconcagua, des „Steinernen Wächters“ der Anden.
Der Bus wird uns in viereinhalb Stunden nach Mendoza zurückbringen, wo uns die erste Dusche und der erste argentinische Rotwein seit 14 Tagen erwartet.

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